Kommentar: Android – Der Preis der Freiheit
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Kommentar: Android – Der Preis der Freiheit

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Google’s Betriebssystem Android wird von vielen als das freie mobile Betriebssystem gesehen und auch in den Verkaufszahlen von Android-Smartphones wird dies deutlich sichtbar, denn Android ist das derzeit am schnellsten wachsende Betriebssystem. Hunderttausende von Apps, die nicht von einem Zensor überprüft werden, echtes Multitasking und offene Schnittstellen – das lockt. Doch welchen Preis muss man für dieses freie Betriebssystem zahlen?

Der Umstieg

Auch ich bin im November letzten Jahres von iOS auf Android umgestiegen, die Offenheit klang für mich sehr vielversprechend und so kaufte ich mir ein Samsung Galaxy Tab und verkaufte mein geliebtes iPhone 3GS. Vom iPhone war ich vor allem Geschwindigkeit gewohnt, alles hat so funktioniert, wie ich es wollte und zwar flüssig. Das iPhone 3GS war zu diesem Zeitpunkt schon über ein Jahr alt, die Hardware also bei weitestem nicht mehr die aktuellste, doch es lief flüssig und ich hatte kaum Verzögerungen in der alltäglichen Benutzung.

Der Apple AppStore erfüllte mir jeden Wunsch und auch das „falsche“ Multitasking, bei dem nur einzelne, ausgewählte Prozesse einer App im Hintergrund laufen, machte mir nichts aus. Ich war fast zufrieden. Was mir fehlte war Bluetooth, mit dem ich Dateien verschicken kann, aber auch unzensierte Apps ohne Jailbreak hatten ihren Reiz.

Das Android-Erlebnis

Als das Samsung Galaxy Tab endlich bei mir ankam, war ich begeistert. Endlich haben sich meine Wünsche erfüllt, ich hatte offene Schnittstellen, neben dem offenen Bluetooth nämlich auch DLNA, womit man Medieninhalte drahtlos auf anderen Geräten anzeigen kann. Auch den microSD-Kartenslot empfand ich als sehr angenehm, um schnell Daten auf das Tab zu transferieren; zudem war nun ein Gesamtspeicher von 48GB möglich – beim iPhone undenkbar.

Das Betriebssystem war ausreichend schnell, Lags und Verzögerungen hielten sich in Grenzen und ich war zufrieden. Nur das Scrollen im Browser war mir nicht flüssig genug, was ich bis heute nicht beheben konnte. Nach einigen Stunden wollte ich mein neues System an das des iPhones anpassen, ich wollte vor allem die gleichen Apps und Funktionen wiederhaben.

ZDBox zeigte den Batteriestand und das verbrauchte Internetvolumen an, Dolphin Browser HD wurde zum Standardbrowser und Winamp zum Standard-Musikplayer; die Samsungtastatur wurde durch Smart Keyboard Pro ersetzt. Das alles sind sehr empfehlenswerte Apps, die mir im täglichen Gebrauch viel wert sind, doch das Problem liegt im Detail.

Diese Apps, die ich sonst als Systemapps bei iOS standardmäßig habe, müssen bei Android zusätzlich zu den Systemapps laufen und verbrauchen dadurch Arbeitsspeicher und belasten den Prozessor, wodurch das Gerät träger und der Akku schneller verbraucht wird. Vor allem im täglichen Gebrauch war das deutlich spürbar: Apps öffneten nicht mehr so schnell, vermehrt traten Lags auf und ich musste öfters Apps manuell beenden. Der Workflow war nicht mehr der von iOS und das trotz deutlich besserer Hardware.

Der Android Market und die Apps

Mein Homescreen füllte sich mit weiteren Apps und Spielen, mittlerweile sind es 71, doch trotz der hohen Anzahl war ich mit der Qualität der Apps in zweierlei Hinsicht nicht zufrieden.
Erstens, das Appangebot besteht aus gefühlten 70% Schrott und die restlichen 30% beckleckern sich auch nicht gerade mit qualitativer Hochwertigkeit. Was ich damit meine: Die Spiele sind grafisch nicht aufwendig und auch die Apps hinken von der Qualität iOS deutlich hinterher. Sie sehen nicht zum anbeißen aus, es fehlt die Flüssigkeit und der Spaß beim Bedienen. Haben die Entwickler keinen Spaß an dem tollen, offenen Betriebssystem oder woran liegt das? Dazu gleich mehr.
Zweitens, die Apps werden von Google nicht überprüft, sodass nicht gewährleistet ist, dass die Apps einwandfrei laufen. Man fühlt sich manchmal wie ein Betatester, wenn man sich eine App herunterlädt. Man fragt sich: Wird sie laufen und wenn nicht, stürzt sie nur ab, müllt meinen Arbeitsspeicher zu oder legt sie mein ganzes System lahm, sodass ein störender Neustart erforderlich ist? Ich sage nicht, dass bei Apple alle Apps einwandfrei laufen, doch bei Android sind mir diese schlecht laufenden Apps deutlich öfter untergekommen.

Google ist schuld

Woran liegt es nun, dass es bei Android kaum Apps gibt, die Spaß machen und zum anbeißen aussehen?
Es liegt vor allem an Google und dem Market. Im AppStore werde ich täglich von neuen vorgestellten Apps begrüßt, jeden Tag gibt es was neues in dem „Featured-Tab“ unten links zu entdecken, zusätzlich gibt es die Top-25 Apps. Meiner Meinung nach sind das die zwei wichtigsten „Verkaufsstellen“ für Apps, danach werden die Top-Apps in den Kategorien durchgesehen, wenn überhaupt.
Auch der Android Market bietet mehr oder weniger diese Ansichten. Oben rotiert eine einsame Animation, wo ein Paar Apps vorgestellt werden, was eine nette Idee ist, doch alles andere wird in schnöden Listenansichten angezeigt. Entwickler, die sich besondere Mühe bei ihren Apps geben, können also kaum bis gar nicht von Google im Market hervorgehoben werden, sodass die Motivation fehlt, eine App besonders zu gestalten.

Das Stöbern und Kaufen im AppStore macht mir durch die verschiedenen, gut gestalteten Ansichten Spaß. Durch die langweiligen Listenansichten macht das „App-Shoppen“ im Android Market aber gar keinen Spaß. Denn wo kauft man lieber ein: In einer idyllischen Mall mit Wasserspielen und liebevoll gestalteten Läden oder in einem überfüllten Billigsupermarkt, der seinen Ramsch anbietet? Und genau dort, wo das Shoppen mehr Spaß macht, lässt man auch deutlich mehr Geld, was unzählige Statistiken sicher beweisen können. Android-Nutzer sind also viel weniger bereit, Geld für Apps zu zahlen. Wieso soll sich also ein Entwickler Mühe geben, wenn seine potenziellen Kunden gar kein Geld für seine Ware ausgeben wollen?

Was es für den Nutzer bedeutet

Für den Nutzer bedeutet es, dass Android zwar derzeit das wohl offenste mobile Betriebssystem ist und dessen Vorteile eben in dieser Freiheit liegen, sein Gerät mit kaum Restriktionen nutzen zu können. Der Preis für diese Freiheit liegt darin, dass das Angebot an guten Apps gering ist und man sich wie ein Betatester vorkommt, sodass die hohen Hardwarespezifikationen, mit denen sich die Hersteller von Android-Hardware bewerfen, kaum ausgereizt werden.
Fazit: Das Erlebnis Android macht für mich deutlich weniger Spaß als das Erlebnis iPhone oder iPad. Dies kann nur durch einen qualitativ hochwertigen Android Market und entsprechende Apps behoben werden.

Zum Schluss noch ein Gleichnis, das ich bei J. David Goodman gelesen habe: Ob Harley oder eine BMW-Maschine, beide schaffen es die gleiche Strecke zu fahren. Doch der BMW-Fahrer wird auf die Harley herabblicken, weil sie nicht so flüssig läuft und man sich die Hände schmutzig machen muss, um sie zu warten. Doch der Harley-Fahrer kennt seine Maschine in- und auswendig und weiß wie er sie am Laufen hält und modifizieren kann. Beides ist eine berechtigte Wahl, doch letztendlich muss jeder für sich entscheiden.

Ich liebe die Vorteile von Android, doch ich möchte die App-Vielfalt und das einfache flüssige Funktionieren an sich nicht mehr missen.

Bildquelle: jdavidgoodman.net

0 6 23530 19 April, 2011 Allgemein, Android, Featured April 19, 2011

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